Kolumne für NAV aktuell
Wer hat’s erfunden?
Diversity & Inclusion, dargestellt an der Basler Fasnacht
Die Amerikaner mögen Coca-Cola erfunden und auf dem Mond gestanden haben. Die Engländer werden als Erfinder der Monarchie und des High Tea in die Geschichte der Menschheit eingehen. Die Franzosen dürfen das Urheberrecht auf Essen und Liebe in Anspruch nehmen und die Deutschen das Copyright auf Fleiss und Weizenbier. Die Erfindung von «Diversity & Inclusion» aber geht wieder einmal auf das Konto jener kleinen Nation im EU-freien Herzen Europas, die gemäss einschlägigen TV-Spots auch das Ricola-Kräuterbonbon erfunden hat. Genauer gesagt: Das heute als letzter Schrei der Innovation gehandelte Prinzip von gepflegter «Verschiedenheit» und gleichzeitigem «Miteinbezug» ist als närrisches Treiben vor den Türen des Novartis Campus entwickelt worden. Von Baslern.
Prototyp
Was die Amis, Engländer und Franzosen - wenn überhaupt - als Carneval resp. Carnival kennen und im deutschsprachigen Raum unter den Bezeichnungen Karneval, Fastnacht, Fasnet oder Fasching bekannt ist, heisst in Basel «Fasnacht». Und die hiesige Form des Fastenauftakts ist nach einhelligem Urteil aller seriösen Sozialwissenschafter die früheste Darreichungsform von «Diversity & Inclusion». Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts achteten die Basler nämlich darauf, dass ihre fasnächtlichen Aktivitäten möglichst vielen und möglichst verschiedenen Vereinen - vom Turnverein über die Herrenzunft bis zur Jägermusik - offen standen. Ausgeschlossen blieb nur ein damals noch vernachlässigbarer Teil der Bevölkerung: Die Frauen. (Sogar an den Maskenbällen entpuppten sich die meisten weiblichen Wesen nach der Demaskierung um Mitternacht als verkleidete Kerle.) Bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts musste sich die Weiblichkeit an der Basler Fasnacht aufs Aufbügeln der Kostüme ihres Mannes und Zuschauen am Strassenrand beschränken. Und die erste Frau, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Trommel in die Reihen ihrer Cliquenkollegen schmuggelte, trug Handschuhe und die Larve auch im Restaurant, damit sie niemand als «Wyyb» enttarnte.
Verschiedenheit ....
Dies hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten gründlich geändert. Anders als in der Wirtschaft, wo weder Frauenstimmrecht noch Gleichberechtigungsstellen wirklich zu einem Frauenüberschuss in den Chefetagen geführt haben, sind mittlerweile an der Basler Fasnacht nicht nur Tambourinnen der Normalfall und Pfeiferinnen in der Überzahl; auch Cliquenpräsidentinnen resp. -obfrauen sind heute an der Tagesordnung. Und seit vergangenem Jahr ist gar die erste Frau in den Startlöchern für das Präsidium des organisierenden Fasnachtscomités. Aber nicht nur aus dem Gender-Blickwinkel ist die Basler Fasnacht ein Muster an Vielfalt. «Diversity» prägt sie auch in den Bereichen Alter, Herkommensschicht, Bildung, Einkommen, Beruf und Wohnort ihrer Aktiven. Anders als in Zünften und Service-Clubs, Sportvereinen oder Hobby-Vereinigungen findet man in einer «Fasnachtseinheit» - Stammverein, Pfeifer- und Tambouren-Gruppe, «Schyssdrägg-Ziigli», Guggemuusig, Wagen oder Schnitzelbank undsoweiter - einen durchaus repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung.
... und Zusammengehörigkeit
Doch wie kann bei dieser weltweit einzigartigen «Diversity» der Mitwirkenden ein weltweit einzigartiger Grossanlass wie die Basler Fasnacht überhaupt entstehen und funktionieren? «It’s Inclusion, stupid!» würde Bill Clinton sagen, wäre er Zeuge des Miteinbezugs und der Dazugehörigkeit, welche die Basler Fasnächtlerinnen und Fasnächtler seit eh und jeh zusammenhalten. Da mischt der ergraute Novartis-Laborant der jungen Kunststudentin beim Larvenmalen die Farben. Der KV-Lernende trommelt Seite an Seite mit dem ehrwürdigen Privatbankier. Der Spitaldirektor hält der Pfarrerin die Schnitzelbank-Helgen. Der türkische Secondo intrigiert mit der Exil-Zürcherin vom Waggiswagen. Und zusammengehalten wird das Ganze von einem strikten Regelwerk, mit von allen Aktiven respektierten «do and dont’s», von einer bei aller Fröhlichkeit und Ausgelassenheit strikten Disziplin vom gemeinsamen «Morgenstraich» am Montag um 04.00 Uhr morgens bis zur militärähnlichen Struktur der Cliquen.
Ziel erreicht
«Interkulturelles Verständnis und Kooperation fördern», «Anzahl Frauen im Management weiter erhöhen», «Mitarbeitende bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen» und «Potenzial älterer Mitarbeitender erhalten und nutzen» lauten die Zielsetzungen von Novartis Diversity Schweiz. Die Basler Fasnacht hat sie längst erreicht, dank «Diversity & Inclusion». Vom Resultat konnte sich Basel und die Welt Mitte März einmal mehr überzeugen.
