18.09.2006

Schweizer Illustrierte

Nachruf auf Mäni Weber (1935-2006)

Ein Geheimnis nahm er mit ins Grab

„Mäni!" Die Bäuerin am Wegrand bei Konolfingen starrte mit offenem Mund auf den vorbeifahrenden Pferdewagen. „Marthi, lueg! De Mäni Wäber!" alarmierte sie ihre Nachbarin, die sich im Vorgarten nebenan über ein Salatbeet bückte. Worauf zwei bodenständige Emmentalerinnen gesetzteren Alters Gemüse und Hemmungen fallen liessen und im Laufschritt dem Gefährt nachsetzten, das inmitten der Belegschaft des Radiostudios Basel auf Betriebsausflug auch dessen Sportredaktor und -moderator Hermann Weber über Land kutschierte. Er war es jedoch nicht, dem die Begeisterung der beiden Frauen galt. Sie jubelten „Mäni National" zu, dem grössten - und einzigen - TV-Star, den die Schweiz je hervorgebracht hat.

Solche Szenen erlebte auf Schritt und Tritt, wer in den 60-er und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Präsentator von „Praktische Medizin", „Dopplet oder nüt" und „Wär gwünnt?" unterwegs war. Jeder Fussmarsch durch eine mittlere Schweizer Kleinstadt geriet innert Kürze zum Volksauflauf. Und nicht selten ging die Verehrung so weit, dass seine Fans - vor allem die weiblichen - ihr Idol nicht nur bewundern, sondern auch berühren wollten wie einst die Jünger Jesu dessen Rocksaum. Das war eine neue Dimension der Heldenverehrung in einem Land, wo Bundesräte und Filmschauspieler in der Öffentlichkeit zwar erkannt, aber höchstens beiläufig zur Kenntnis genommen werden.

Hermann Viktor Weber, 1935 im Basler Gundeldingerquartier geboren, hatte keine Chance, sich auf diesen Ausnahmezustand vorzubereiten. Das Fernsehen, zu dem der junge Nationalökonom 1960 direkt aus einem Praktikum im Radiostudio Basel kam wie die Jungfrau zum Kind, war gerade mal sieben Jahre auf schwarz/weiss-Sendung. Es hatte sein Potenzial als Massenmedium noch nicht einmal in Ansätzen erkannt geschweige denn ausgeschöpft, und so gab es auch noch kaum Erfahrungswerte für die Popularität, die es auszulösen imstande war. Allenfalls liess der TV-Erfolg des gelernten Schauspielers (und Mäni-Vorbilds) Hans-Joachim Kulenkampff („Einer wird gewinnen") im nördlichen Nachbarland erahnen, was das neue Medium in seinen Anfangszeiten aus einem machen konnte, der zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war. Eines allerdings war damals schon wie heute: Gesundheitsthemen kamen an beim Publikum. So erlangte der blendend aussehende Basler, der mangelnde medizinische Fachkenntnis mit akribischer Vorbereitung kompensierte und charmant, neugierig, redegewandt und schlagfertig auftrat, in der Sendung „Praktische Medizin" als eine Art früher Sämi Stutz aus dem Stand nationale Berühmtheit.

Als das Bildmedium dann mit dem Quiz eine weitere seiner Stärken entdeckte, wurde der charismatische Allrounder auch noch zum ersten Günther Jauch der Fernsehgeschichte. Neben seiner Arbeit als Sportredaktor und -reporter beim Schweizer Radio, die er auch während seiner TV-Tätigkeit nie aufgab, fragte er von 1963 an in den Strassenfegern „Dopplet oder nüt" und „Wär gwünnt" wöchentlich das Wissen der Nation ab. Daneben moderierte der Vielseitige Galas, schrieb Kolumnen, spielte in Filmen, hielt Vorträge und spielte Mannequin für ein Modehaus. Mäni war omnipräsent und seine Popularitätswerte kletterten in Höhen, wie sie seither nie mehr von einem oder einer Schweizer Prominenten erreicht worden sind.

Als smarter Mittdreissiger auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt, hatte Mäni nicht nur ein ungebrochenes Verhältnis zur beispiellosen Aufmerksamkeit, die ihm überall entgegenschlug, er konnte sie sogar unverblümt einfordern. Drehten sich die Köpfe nicht zur Tür, wenn er ein Lokal betrat, diskutierte er so lange mit seinen Begleitern oder dem Chef de Service über die Wahl des Tischs, bis auch der letzte Gast von seiner Anwesenheit Kenntnis genommen hatte. Und er erzählte oft und gerne, dass er sogar auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings in New York mit dem Ausruf „Lueg de Mäni!" empfangen worden sei. Weber genoss sein glamouröses Leben im Rampenlicht der nationalen Öffentlichkeit in vollen Zügen, stellte sich lustvoll in seinen Lieblingsrollen als TV-Star, Intellektueller, Sportsmann, Herzensbrecher, Cigarrenraucher, Massanzugträger und Liebhaber schneller Autos dar. Als Höhepunkt der extrovertierten  Selbstinszenierung liess er sich 1968 von der Boulevard-Presse zur Traumhochzeit mit der Swissair-Stewardess Irene Monigatti ermuntern. Die Instant-Verbindung mit der Basler Baumeister-Tochter dauerte vom ersten Blickkontakt bis zur Trennung keine drei Jahre; erste „Lämpen" gab es, wie Mäni selbst freimütig zugab, bereits in der Hochzeitsnacht. Seine einzige Ehepartnerin hatte rasch realisiert, was viele ihrer Geschlechtsgenossinnen vor und nach ihr auch zu spüren bekamen: Neben dem Rund-um-die-Uhr-Superstar war auf Dauer kein Platz für eine Frau. Die selbstständigen, selbstbewussten ertrug er nicht; der anderen wurde er rasch überdrüssig. Für dauerhafte Beziehungen war der „Womanizer" nicht geschaffen.

So war denn die Scheidung selbst der kleinere Schock für Mäni als die Titelblätter mit dem dramatisch in zwei Teile zerrissenen Hochzeitsfoto des einstigen Traumpaars. Zum ersten Mal in seiner Karriere musste der Erfolgsverwöhnte negative Schlagzeilen über sich lesen. Von diesem Moment an legten sich auch erste Schatten auf seine bisher ungetrübte Selbstwahrnehmung. Bisher hatte der gutmütige, patente, witzige und hilfsbereite Kumpel gegenüber Freunden und Kollegen seine Sonderstellung und die damit verbundenen Privilegien mit gelassener Ironie relativieren und sich augenzwinkernd darüber lustig machen können. Nun begann er auch im engeren Kreis die Clichés zu bedienen, die er bisher nur der Öffentlichkeit schuldig zu sein glaubte - allen voran das Image des unwiderstehlichen Frauenbetörers. Es gab kaum ein Gespräch mit ihm, das er nicht bald auf diesen Punkt brachte, und je farbiger der alternde Beau seine Erfolge beim anderen Geschlecht ausschmückte, desto häufiger fragten sich auch wohlmeinende Zuhörer, ob hinter den Stories von den nackten Schönen, die sich offenbar in jedem Hotelzimmer der Welt unaufgefordert in sein Bett legten, nicht zunehmend auch Wunschdenken steckte. Wie im Fall seiner geheimnisvollen Lebens

partnerinnen der letzten Jahre, die Mäni zu seinem Bedauern aus Diskretionsgründen der Öffentlichkeit vorenthalten musste, weil sie auf dem Papier noch mit bedeutenden Politikern, Unternehmen oder Diplomaten verheiratet waren. Sollte es  diese „dark ladies" denn wirklich gegeben haben, hat Mäni ihr Geheimnis mit ins Grab genommen.

Das kräfteraubende Aufrechterhalten einer bröckelnden Fassade gegen die unverändert hohen Erwartungen seines Publikums setzte den ausgewiesenen Medienprofi zunehmend unter inneren und äusseren Druck, dem er zeitweise nur mit Tabletten und Whisky standhalten zu können glaubte. Die „little helpers" blieben nicht ohne Auswirkungen auf sein immenses Arbeitspensum. 1977 verabschiedete ihn das Fernsehen unter riesiger Anteilnahme der TV-Gemeinde, bis hinauf zum damaligen Bundespräsidenten Ernst Brugger, der dem beliebtesten Schweizer Quizmaster aller Zeiten vor laufender Kamera persönlich den Dank der Nation aussprach. Ausser zu einigen Gastauftritten in Talk-Shows sollte Hermann Weber nie mehr ans Medium zurückkehren, das ihn gross gemacht hatte. Die letzten immerhin fast zwanzig Jahre vor seiner Pensionierung übernahm er loyal und pflichtbewusst verschiedene Aufgaben beim Radio, bevor er sich mit 60 vorzeitig pensionieren liess und seiner Heimatstadt verbittert den Rücken kehrte, weil sie Steuerschulden von ihm einzufordern wagte. Die letzten Jahre verbrachte er in der Rolle der „TV-Legende" in Weggis am Vierwaldstättersee und überspielte dabei mit wechselndem Erfolg, wie sehr er noch immer an den Folgen des brutalen Falls vom höchsten Gipfel der Popularität in die Tiefen der inneren Einsamkeit litt.

Ein liebenswürdiger und warmherziger, aber auch anspruchsvoller und herausfordernder Kollege ist am 15. September 2006 nach kurzer, schwerer Krankheit in Luzern gestorben. Er hat die Schweizer Medienlandschaft verändert und sie ihn.